Hinweise zur Fehlerrechnung
Jede Messung einer physikalischen Größe ist mit mehr
oder weniger großen Messfehlern behaftet; misst man eine
Größe
mehrmals, so weichen die Ergebnisse im Allgemeinen sowohl voneinander
als
auch vom zu bestimmenden "wahren Wert" ab. Ziel der Fehlerrechnung ist
das Ermitteln des besten Schätzwertes für den wahren Wert
(Messergebnis)
und für die Größe der Abweichung (Messunsicherheit).
1. Begriffsbestimmungen
Messgröße:
Die zu messende physikalische Größe, z. B.
Spannung
U,
Strom I, Masse m
Messwert:
Der gemessene Wert einschließlich Einheit, z. B. U
= 220 V, I = 2 A, m = 2 kg
Messergebnis:
Das aus mehreren Messwerten berechnete Ergebnis, z. B. P
= U · I = 220 V · 2 A = 440 W
Messabweichung (früher Fehler genannt):
Differenz zwischen Messwert (oder einem aus mehreren
Messungen
gewonnenen Wert) und wahrem Wert. Man unterscheidet zufällige und
systematische Messabweichungen. Die Messabweichung ist im Allgemeinen
nicht
genau bekannt, weil der wahre Wert nicht genau bekannt ist.
Zufällige oder statistische Messabweichungen (Fehler):
Sie treten unregelmäßig auf; sie schwanken in
der
Größe und im Vorzeichen. Hervorgerufen werden sie z. B.
durch
nicht beeinflussbare unsystematische Änderungen der Versuchs- und
Umgebungsbedingungen sowie durch Unvollkommenheiten beim subjektiven
Erfassen
von Messwerten durch den Praktikanten. Durch mehrfaches Messen und
Bildung
des arithmetischem Mittelwertes kann der Einfluss zufälliger
Messabweichungen
minimiert werden.
Systematische Messabweichungen (Fehler):
Sie beeinflussen bei gleichen Versuchsbedingungen die
Messung
in der gleichen Weise. Hervorgerufen werden sie z. B. durch
Unvollkommenheiten
der Messgeräte, der Maßverkörperungen und der
Messverfahren
sowie durch systematische Änderungen der Versuchsbedingungen. Sie
setzen sich aus einem bekannten und einem unbekannten Anteil zusammen.
Das Messergebnis ist um bekannte systematische Messabweichungen zu
korrigieren.
Messunsicherheit:
Gibt einen Bereich (Intervall) an, in dem der wahre Wert
einer
Messgröße oder eines Messergebnisses mit hoher
Wahrscheinlichkeit
liegt. Sie wird auf der Grundlage von Messwerten (m. H. statistischer
Methoden)
und vorliegender Kenntnisse zu systematischen Messabweichungen
geschätzt.
Beispiel (für den Messwert U = 220 V):
DU = 2,4 V (absolute
Messunsicherheit);
DU/U = 1,1
% (relative Messunsicherheit)
Der wahre Wert liegt mit großer Wahrscheinlichkeit im Intervall
(U
-DU,
U +DU).
Vollständiges Messergebnis:
Messergebnis ± Messunsicherheit; z. B. U
= 220,0 V ± 2,4 V; U = (220,0 ± 2,4)
V; U = 220,0 V und DU/U
= 1,1 %
2. Ermittlung von Messunsicherheiten
2.1 Berechnung von Messunsicherheiten bei zufälligen Fehlern
Eine Messgröße x werde n mal gemessen; die
einzelnen
Messwerte xi (i = 1 ... n)
streuen um einen Mittelwert
.
Wenn bei dieser Messreihe nur zufällige (statistische) Fehler
auftreten, so ist die Verteilung der Messwerte eine Normalverteilung
(Gaußverteilung).
Die graphische Darstellung einer solchen Verteilung ergibt die
sogenannte
"Glockenkurve".
Als Maß für die Streuung der Messwerte wird die
Standardabweichung
s
eingeführt:

ist dabei das arithmetische Mittel.
Für die Gaußverteilung ergibt sich, dass 68,3 % der
Messwerte
im Intervall
±
s liegen, d. h., die
Wahrscheinlichkeit, einen Messwert in diesem Intervall anzutreffen,
beträgt
68,3 %. Im Intervall
± 2s
liegen 95,5 % und im Intervall
±
3s
99,7 % aller Messwerte.
Werden von der Messgröße weitere Messreihen vom Umfang n
aufgestellt, so sind die dazugehörigen Mittelwerte ebenfalls
normalverteilt;
die Standardabweichung s' für die Streuung der Mittelwerte
ist dann:

Liegt bei der Bestimmung der Messgröße x eine
Messreihe
mit n³10 vor und können
dabei
die systematischen Fehler gegenüber den zufälligen Fehlern
vernachlässigt
werden, so wird die Standardabweichung
s' als Messunsicherheit x
für den Mittelwert
gewählt:

Ist die Messung eine Zählung zufälliger Ereignisse (z. B.
radioaktiver Zerfallsereignisse), x = N, so
beträgt
die Messunsicherheit (bei Vernachlässigung systematischer Fehler)
Dx
=
.
2.2 Die Garantiefehlergrenze als Messunsicherheit
Die Hersteller von Messgeräten geben in der Regel
Garantiefehlergrenzen
an (Beispiele: 1,5 % vom Messbereich; 0,1 % vom Messwert + 2 Digit).
Man
kann zum Beispiel die Genauigkeitsklasse bei elektrischen
Messgeräten
verwenden. Bei einer Genauigkeitsklasse von 1,5 und einem Messbereich
von
30V beträgt die Garantiefehlergrenze DU
= (1,5 % von 30 V) = 0,45 V.
2.3 Angabe einer geschätzten oberen Fehlergrenze als
Messunsicherheit
Liegen keine Angaben vor, so ist die Messunsicherheit zu schätzen:
-
Faustregel beim Ablesen von Skalen: Dx
= (0,5...1) Skalenteil
-
Längenmessungen mit einem Messschieber (Noniusablesung): Dl
= 0,1 mm
-
Messung einer Schwingungsdauer T anhand von 20 Schwingungen: D(20T)
= 0,2 s. Für DT ergibt
sich
dann DT = 0,01 s.
-
Die Messunsicherheit bei digital anzeigenden Messgeräten
beträgt
mindestens 1 Digit (Digitalisierungsfehler).
3. Anpassung einer Funktion an eine Messreihe (Regression)
3.1 Lineare Regression
Häufig besteht zwischen verschiedenen Messgrößen x
und y ein linearer Zusammenhang

oder es wird ein solcher Zusammenhang vermutet.
Beispiel: Bei der thermische Ausdehnung von Metallen gilt
für
die Länge l = l0 + al0
DT,
a
ist der lineare thermische Ausdehnungskoeffizient, l0
die Länge bei der Temperaturdifferenz T=0.
Die eigentliche Messaufgabe besteht in der Bestimmung der (konstanten)
Parameter a und b. Grundsätzlich können a
und b durch Messung von zwei Wertepaaren (x, y)
bestimmt werden. Meist wird jedoch eine ganze Messreihe mit n
Wertepaaren
(xi,
yi) (i = 1...n)
aufgenommen,
um den linearen Zusammenhang nachzuweisen.
Werden die Messwerte graphisch dargestellt, so streuen die Messpunkte
wegen der unvermeidlichen statistischen Messabweichung um eine
ausgleichende
Gerade. Die Aufgabe besteht nun darin, die Gerade zu finden, die "am
besten"
an die Messpunkte angepasst ist. (Es wird hier vereinfachend
angenommen,
dass nur die yi fehlerbehaftet sind.)
Der Abstand eines Messpunktes von der Gerade in y-Richtung ist y
= yi - y(xi) = yi
- (a+bxi).
Nach der Gaußschen Methode der kleinsten Quadrate ist für
die am besten angepasste Gerade die Summe der Abstandsquadrate minimal:

Diese Summe ist eine Funktion der Parameter a und b;
zur Lösung des Problems sind also die partiellen Ableitungen dF/da
= 0 und dF/db = 0 zu setzen.
Dies
führt zu dem Ergebnis


wobei alle Summen von i = 1 bis n gehen.
Die durch (4) und (6) bestimmte Gerade heißt Regressionsgerade
oder
Ausgleichsgerade.
Als Messunsicherheiten der Parameter a und b werden die
entsprechenden Standardabweichungen verwendet, sofern die
systematischen
Messabweichungen (Fehler) gegenüber den zufälligen
vernachlässigbar
sind: a = sa und b
=
sb
mit

3.2 Regression mit anderen Funktionen
Grundsätzlich kann die Gaußsche Methode der kleinsten
Quadrate
(5) nicht nur auf eine lineare Funktion (4), sondern auf beliebige
Funktionen
mit mehreren Parametern angewendet werden. Im Allgemeinen ist dieses
Problem
jedoch nicht mehr analytisch lösbar, sondern muss mit Hilfe
numerischer
Methoden iterativ gelöst werden. Die im Praktikum eingesetzten
Computerprogramme
Origin
und CassyLab bieten diese
Möglichkeit
(Stichworte: non-linear curve fit bzw. Freie Anpassung).
Einige Funktionen können durch Transformation bequem in eine
lineare
Funktion überführt werden. In solchen Fällen kann die
lineare
Regression mit der transformierten Funktion durchgeführt werden.
Beispiel: Beim Durchgang radioaktiver Strahlung durch
Materie
der Dicke
d gilt für die Intensität I = I0e-µd.
Der Schwächungskoeffizient µ kann aus mehreren gemessenen
Wertepaaren
(I,
d) durch lineare Regression entsprechend ln(I)
= ln(I0) - µd bestimmt werden.
3.3 Praktische Hinweise
Die Formeln (6) und (7) muss man sich nicht einprägen,
dafür gibt es Software. Es ist ausreichend, das
Regressionsverfahren grundsätzlich und die Bedeutung der Parameter
a, b, sa und sb zu kennen. Lineare Regression lässt sich schon mit
vielen Taschenrechnern
durchführen. Dabei sind die n Wertepaare (xi,
yi) einzugeben, danach können die Werte a,
b, n, xi, yi etc. abgerufen werden. Die
Standardabweichungen
sa
und sb werden in der Regel nur von entsprechenden
Computerprogrammen
angegeben. In Programmen und in der Literatur werden die Begriffe
Regression,
Anpassung und Fit (englisch) synonym verwendet.
Stehen geeignete Hilfsmittel nicht zur Verfügung, so nimmt man
die Anpassung grafisch ("nach Augenmaß", am besten mit einem
durchsichtigen
Lineal) vor und schätzt die Messabweichungen.
4. Messunsicherheiten für Messergebnisse (Fehlerfortpflanzung)
Es sei y = f(x1, x2,
..., xn) ein Messergebnis, das aus den Messwerten x1,
x2,
..., xn mit den Messunsicherheiten
x1,
x2,
..., xn zu berechnen ist. Wie groß ist dann
die
Messunsicherheit
y des Messergebnisses?
4.1 Größtfehlergleichung
Für kleine Messunsicherheiten xi kann man die
Unsicherheit
des Messergebnisses als totales Differential von y berechnen:

Dabei ist dy/xi die partielle Ableitung von y
nach der Messgröße xi.
Bei dieser Art der Berechnung wird angenommen, dass sich die
Einflüsse
aller Messunsicherheiten auf die Unsicherheit des Ergebnisses addieren
- es ergibt sich der größtmögliche Fehler (korrekt:
Messunsicherheit)
y.
4.2 Gaußsches Fehlerfortpflanzungsgesetz
Wenn die Einzelmessungen voneinander statistisch unabhängig sind,
so kann man erwarten, dass sich die Einflüsse der
Einzel-Messunsicherheiten
auf die Unsicherheit des Ergebnisses teilweise gegenseitig aufheben.
Die
mathematische Behandlung dieses Problems nach C. F. Gauß ergibt

Nach dieser Gleichung ist die Messunsicherheit des Ergebnisses in der
Regel zu berechnen. Wenn die statistische Unabhängigkeit der
Einzelmessungen
nicht gesichert ist, ist Gl. (8) zu verwenden.
4.3 Vereinfachte Bestimmung der relativen Messunsicherheit D
y / y
In vielen Fällen besitzt die Funktion y die Form y = c
·
x1n · x2m
(n, m beliebig reell). Dann ergibt sich aus (8)

und aus dem Gaußschen Fehlerfortpflanzungsgesetz (9) wird
Beispiel: Gleichmäßig beschleunigte Bewegung s
=
a/2
t2 ; Weg s und Zeit t
werden gemessen und die Beschleunigung a ist zu berechnen:

5. Angabe der Messergebnisse mit ihren Messunsicherheiten
Es ist immer das vollständige Messergebnis anzugeben:

wobei die Messunsicherheit y nur ein oder zwei zählende
(signifikante) Ziffern haben darf. Entsprechend ist die Zahl der
Ziffern
für das Messergebnis y zu wählen.
Beispiele:
y = (531,4 ± 2,3) mm; Dy/y
= 0,43%
U = (20;00 ± 0,15) V; DU/U
=
0,12 %
R = 2,145 k ± 0,043 kW; DR/R
= 2,0 %
Mathias
Stölzer, 11.10.2001