Ein fragwürdiges Kuriosum kann Verwirrung und Unheil stiften.

In: Buch und Bibliothek 30(1978), S. 953-955.

Nicht nur ein Naturwissenschaftler, sondern jeder halbwegs aufgeklärte Zeitgenosse muß es als Zumutung empfinden, wenn ihm ohne den geringsten Hauch von Zweifel und Kritik in einer BA-Besprechung etwas mitgeteilt wird, das doch, träfe es nur zu, eine Sensation ersten Ranges wäre: Die »einzige immer vorhandene Ursache« des Krebses ist nachgewiesen, und man kann sich nun sicher vor Krebs (und vielen anderen Leiden) schützen. Und das schon seit 1930, als der hier geführte Nachweis »wissenschaftlich anerkannt« wurde. Die gesamte internationale Krebsforschung der letzten 50 Jahre kann dann wohl nur eine sinnlose Verschwendung von riesigem Ausmaß gewesen sein.

Hokuspokus? Pseudowissenschaftlicher Mumpitz?

Gewiß ist die Besprechung von Büchern dieser Art keine leichte Sache, und ein Rezensent würde es sich sicher zu einfach machen, würde er sie schlichtweg als Hokuspokus und pseudowissenschaftlichen Mumpitz abtun. Ähnlich wie in der Parapsychologie scheint es auch im Zusammenhang mit dem Komplex »Erdstrahlen« Phänomene zu geben, die physikalisch nicht greifbar sind, deren Existenz aber nicht einfach bestritten werden kann.

Andererseits ist gerade der Grenzbereich am Rande von Medizin und Naturwissenschaft ein bevorzugter Turnmelplatz von Scharlatanen und fanatischen Aposteln pseudowissenschaftlicher Heilslehren, die mit einer umfangreichen literarischen Produktion aufwarten. Nicht einmal vor solchen, aller Wissenschaftlichkeit Hohn sprechenden Werken braucht sich die Öffentliche Bibliothek total zu verschließen: Auch die Anhänger Dänikens und seiner Epigonen stellen schließlich ihre Ansprüche. Nur: Wer solche Bücher bespricht (bzw. anschafft und ausleiht), der sollte wenigstens erkannt haben, worum es sich handelt, und nicht, wie es in der BA-Besprechung geschieht, alles übernehmen, was Autor und Verlag dem Leser einzureden versuchen.

Und das ist nicht gerade wenig; allein Umschlag und Klappentext sollten eigentlich nahelegen, dem Verein »Fortschritt für alle«, der das fast 50 Jahre alte Werk ausgegraben und im eigenen Verlag nachgedruckt hat, mit etwas mehr Skepsis und Zurückhaltung zu begegnen.

»Dieses Buch bringt die Lösung des Krebsproblems ­ – wissenschaftlich unwiderlegt! Sicherer Schutz vor Krebs und Blitz.« Wer, durch solche Verheißungen auf dem Umschlag neugierig geworden, den Klappentext liest, muß sich fragen, warum der Verfasser nicht noch posthum den Nobelpreis für Medizin erhält. »Schon vor fast 50 Jahren«, so heißt es dort, »hat Freiherr von Pohl den – bis heute unwiderlegten – wissenschaftlichen Beweis für die Krebsursache erbracht. Seine Abhandlung über die Entstehung der Krebskrankheit nur durch Erdstrahlen wurde schon im Juli 1930 in der Zeitschrift für Krebsforschung in Berlin (herausgegeben vom Deutschen Zentralkomitee zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit) veröffentlicht und damit wissenschaftlich anerkannt. 1931 legte Freiherr von Pohl das Ergebnis seiner Forschung in einem Buch nieder. Da er aber ... danach starb, geriet sein Lebenswerk wieder in Vergessenheit. Deshalb bringt der gemeinnützige Aufklärungsdienst FORTSCHRITT FÜR ALLE e.V. in seinem Verlag dieses ungemein wichtige Buch 1977 als Neuauflage heraus, damit die längst vorhandene Lösung des Krebsproblems endlich an die Öffentlichkeit gelangt.«

Die »Lösung des Krebsproblems« erfährt der Leser, noch bevor er das Buch geöffnet hat, ebenfalls aus dem Klappentext: »Wer dafür sorgt, daß sein Bett nicht in schweren Erdstrahlen steht, und wer dafür sorgt, daß er auch tagsüber nicht in schweren Erdstrahlen sitzt, kann niemals Krebs bekommen!« Dabei ist die Lösung des Krebsproblerns noch nicht einmal Hauptgegenstand des Werkes; lediglich 28 Seiten sind diesem Thema gewidmet. Den größten Umfang nimmt das dritte von insgesamt acht Kapiteln ein (»Erdstrahlen als Erreger anderer Krankheiten«), und da Nicol sich auf wenige Beispiele von Krankheiten beschränkt hat, vor denen man sich dank Pohl nun »sicher schützen« kann, sei noch einmal aus dem Klappentext zitiert, wer von nun an auf Genesung hoffen darf: »Erdstrahlen sind aber auch die Ursache von Nervosität und Schlaflosigkeit, Rheuma, Asthma, vielen Magen-, Nieren-, Blasen-, Leber- und Galleleiden einschl. Steinleiden und Bettnässen, von Tuberkulose, Herzleiden, pernic. Anämie, Diabetes, Kinderlosigkeit, Frauenleiden, Frühgeburten, Kinderkrankheiten, Entzündungen, Augen- und Ohrenleiden, Thrombosen, Kropf, Basedow, Epilepsie, Schwachsinn, Geisteskrankheiten, Selbstmord u. a.«

»Bett umgestellt - Befinden glänzend«

Das Buch besteht zum größten Teil aus Berichten über wundersame Heilerfolge bei Patienten, deren Betten umgestellt wurden. »Schlaflosigkeit und Unterleibsleiden geheilt«, »Unheilbarer nach 4 Tagen alle Leiden los«, »TBC-Todgeweihter: Befinden glänzend«, »Kind durch Bettumstellung gerettet« – so und ähnlich sind die etwa 50 Krankengeschichten überschrieben, denen zumeist Skizzen beigegeben sind, in denen der Strahlenverlauf und verschiedene Bettstellungen, günstige und ungünstige, eingezeichnet sind. In zwei Kapiteln erfährt man etwas über die Wirkung der Erdstrahlen auf Tiere und Pflanzen, ein weiteres Kapitel handelt »über den Blitz«.

Es sei noch einmal betont: Daß es Phänomene geben mag, bei denen die etablierte Schulwissenschaft an ihre Grenzen stößt, soll hier nicht bestritten werden. Es handelt sich jedoch dabei eindeutig um Erscheinungen, die mit bekannten naturwissenschaftlichen Methoden nicht zu fassen sind: Sie sind weder im Experiment auf Abruf reproduzierbar, noch sind die Ursachen mit physikalischen Meßgeräten objektiv nachweisbar. Gerade dieser Umstand, die Nicht-Greifbarkeit der Erdstrahlen mit herkömmlichen physikalischen Methoden, wird aber in dem vorliegenden Buch ohne Beweis bestritten, ein Standpunkt, den der Rezensent uneingeschränkt übernimmt: »Heute ist die Erdstrahlung mit physikalischen Geräten meßbar.«

Das nämlich ist sie gerade nicht: Noch immer sind es besonders sensible Menschen, die, als Rutengänger, Pendler oder was auch immer, auf die geheimnisvollen Wirkungen aus der Erde reagieren oder, wie ungläubige Skeptiker sagen, zu reagieren vorgeben. Das »Meßgerät für Erdstrahlen«, durch das im Grunde genommen das ganze Problem erledigt wäre, steht noch aus. Nun gibt es im »Nachwort des Verlages« freilich einen Absatz, der die Überschrift trägt »Erdstrahlen physikalisch meßbar«. Gesprochen wird dort aber nur von der Meßbarkeit der Wärmestrahlung und der bekannten radioaktiven Strahlen, die vorher ausdrücklich als von der Erdstrahlung verschieden bezeichnet werden.

Eher ein Kuriosum als ein Buch

Wie es üblich ist bei Heilslehrern, die die Lösung aller naturwissenschaftlichen oder medizinischen Rätsel gefunden haben, fehlt auch hier nicht der Vorwurf an die etablierten Stellen, aus Starrsinn und Angst vor der Wahrheit alles zu tun, um diese zu unterdrücken. Das Bonner Gesundheitsministerium, der Deutsche Zentralverband für Krebsforschung und Krebsbekämpfung in Essen, das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg, die Deutsche Krebshilfe in Bonn – sie alle weigern sich, »Mittel für die Erforschung dieser Strahlung und die Entwicklung entsprechender Meßgeräte zur Verfügung zu stellen«. Der Grund: »Man versucht offenbar lediglich aus Prestigegründen, den Nachvollzug mit wissenschaftlich anerkannten Geräten so lange wie möglich hinauszuzögern.«

Die »praktische Hilfe«, die, von Nicol ausdrücklich hervorgehoben, im Nachwort gegeben wird, ist nicht zuletzt »Selbsthilfe bei Forschung und Entwicklung eines Strahlenmeßgerätes«, zu der der Verein »Fortschritt für alle«, natürlich »im Interesse des Gemeinwohls schreiten« muß, indem er vier Konten angibt und verspricht, auf Wunsch Spendenbescheinigungen fürs Finanzamt zuzusenden.

Fazit: Eine große Bibliothek, die sich den Luxus einer Kuriositätensammlung leistet, sollte das Buch anschaffen, aber eben in dem Bewußtsein, daß es sich um ein Kuriosum handelt. Doch um Himmels willen nicht »alle Bibliotheken«: Selbst wenn bei der Anschaffung Geld keine Rolle spielt, ist die Gefahr, daß schlichte Gemüter für sich und ihre Angehörigen unbegründete Hoffnungen schöpfen und medizinischen Scharlatanen auf den Leim gehen, wohl doch zu groß.

Andreas Kleinert